Rede von Horst-Eberhard Richter
Vor 4 Jahren haben wir zum 1. Jahrestag des Irak-Krieges in Ramstein gestanden. 3000 Menschen unter dem Leitwort: „Still halten ist tödlich!“
Wir verlangten den Abzug der dort gelagerten amerikanischen Atombomben. Ein Jahr später waren die Bomben weg. Hier in Büchel sind 20 noch da, obwohl bis vor kurzem vor der Bevölkerung verschwiegen. Nun ging es mit dem Verschweigen nicht mehr, weil amerikanische Experten Sicherheitsmängel der europäischen Nuklearwaffendepots entdeckt haben.
Kürzlich hatten wir dazu eine peinliche Bundestagsdebatte. Kein einziger Vertreter aus Regierung und Koalition konnte sagen, wen denn die Bomben von Büchel noch abschrecken sollten. Herr von Klaeden aus der CDU erwähnte immerhin die Sprengköpfe der Russen.
Ausgerechnet also wieder die Russen. 4 Jahre lang, von 1987 bis 1991, hatte ich in einem regelmäßig von Gorbatschow begleiteten internationalen Arbeitskreis erfahren, wie eindringlich er den Amerikanern die Zustimmung zur Verschrottung aller Atomwaffen bis zum Millennium abzuringen versucht hatte. Vergeblich; Sacharow, den ich auf Veranstaltungen in den USA begleiten konnte, war den Amerikanern als Opfer stalinistischer Verfolgung bekannt. Dass der Erfinder der russischen Wasserstoffbombe nun als Friedensbotschafter Gorbatschows auftrat und die Nuklearwaffen aus der Welt schaffen wollte, verblüffte in den USA. Aber das war auch alles. Washington blieb hart. Nun sollen die Russen ein plausibler Grund für die Nato-Bomben in Büchel sein? Grotesk!
Aber was denkt die deutsche Bevölkerung über die Nato-Bomben in Büchel? Danach fragt nicht das TV-Politbarometer. Aber wir Ärzte der IPPNW haben das Forsa-Institut danach fragen lassen. Resultat:
84 Prozent sagen, die Bundesregierung solle umgehend für die Beseitigung der auf deutschem Boden gehorteten Atombomben sorgen. 84 Prozent, mit sehr geringen Differenzen unter den Anhängern der verschiedenen Bundestagsparteien. Aber warum spiegelt sich diese überragende Mehrheit nicht in der Bundestagsdebatte wider? Die Parlamentarier sind doch Repräsentanten dieser 84 Prozent, oder etwa nicht?
Da haben wir wieder die Kluft zwischen Unten und Oben vor uns: Wir können hier in Büchel aufschreien. Aber den Parlamentariern droht kein Ungemach, wenn sie sich die Ohren zuhalten. Ungemach fürchtet vielmehr die Koalition, würde sie nach oben – an die Nato oder nach Washington – weitergeben, was die 84 Prozent wollen oder dass sogar 89 Prozent wollen, dass die Atommächte ihre eigenen Waffen umgehend verschrotten. Und die Medien? Die werden uns hier in Büchel vermutlich wie sonst nicht als die Sprecher der großen Volksmehrheit, sondern als die marginalen üblichen Verdächtigen erscheinen lassen.
Doch wir hier unten müssen uns unbequem machen. Wir können doch nicht zu einem Verteidigungsminister Jung schweigen, der unbedingt die Bomben in Büchel hierbehalten will und offenbar nicht begreift, dass er statt als beauftragter Beschützer unserer Sicherheit inzwischen selbst als gefährliches Sicherheitsrisiko im Lande begriffen wird.
Liebe Freundinnen und Freunde. Ich spreche hier für die Internationale Ärztebewegung IPPNW. Wir sind im Kern keine Anti-, sondern eine Pro-Bewegung. Wir bekennen uns zu der von dem Arzt Albert Schweitzer vertretenen „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“. Und die ist eben unvereinbar mit der unverantwortlichen Atomwaffenpolitik. Unser urärztlicher Ansatz ist das Versöhnen. Albert Einstein hat uns gemahnt, uns im Schatten der Atombombe doch endlich allesamt als Brüder zu begreifen. Heute hätte er statt Brüder gewiss Geschwister gesagt.
Doch viele unter den 84 % der hiesigen Atomwaffengegner haben ja begriffen und schämen sich dafür, dass ausgerechnet von unserem erinnerungsbelasteten Land eine atomare Bedrohung statt einer Beherzigung der von Einstein geforderten geschwisterlichen Verantwortung ausgeht.
Wenn neuerdings wieder mehr an das Wohl der Kinder gedacht wird, so ist das gut, heißt aber auch, für ihr Recht zu sorgen, das Andrej Sacharow als das dringendste Menschenrecht überhaupt gefordert hat, nämlich dass sie nicht unter dem Damoklesschwert atomarer Vernichtungsgefahr aufwachsen müssen.
Zur Verstärkung des Kampfes für dieses Recht rufen wir heute in Stellvertretung unserer Kinder und Enkel auf. Ich schließe mit den Worten eines denkwürdigen Appells, den der britische Friedenskämpfer und Nobelpreisträger Bertrand Russell einst nach der Erfindung der Wasserstoffbombe über BBC an die Weltöffentlichkeit gerichtet hat:
„Ich appelliere als ein menschliches Wesen an menschliche Wesen. Erinnert euch eurer Menschlichkeit und vergesst den Rest!“
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