Über die Angst vor dem Atomkrieg früher und heute
AP: Herr Professor Richter, wovor haben Sie persönlich Angst?
Richter: Angst ist für mich persönlich keine wesentliche Komponente meines Lebens. Bei mir überwiegen Zuversicht und Hoffnung- trotz aller Rückschläge, Leiden und Gebrechen. Allerdings ärgere ich mich darüber, wie das Thema instrumentalisiert wird. Es gibt eine große deutsche Versicherung, die untersucht jedes Jahr mit viel Aufwand die größten deutschen Ängste. Da stand zum Beispiel 2006 die Sorge vor Bürgerferne der Politiker auf Platz zwei weit vor der Angst vor dem Terrorismus auf Platz zehn. Das widerspricht massiv dem Bild, das uns die Medien jede Woche vermitteln.
AP: Wie erklärten Sie sich diese Diskrepanz?
Richter: Die Manipulation von Angst hat im Wettstreit der politischen Parteien eine wichtige taktische Rolle bekommen. Mit der Erweckung spezieller Ängste können Erfolge in Wahlkämpfen erzielt werden - sei es die Angst vor Zuwanderern, speziell vor Muslimen. Wenn Parteien solche Ängste erwecken und gleichzeitig behaupten, dass sie die Menschen vor den jeweiligen Bedrohungen beschützen, dann werden sie oft auch deswegen eher gewählt.
AP: Sie selbst haben ja immer wieder vor den Gefahren eines Atomkriegs gewarnt. Wie erklären Sie sich, dass heute die atomare Bedrohung nicht mehr als so groß wahrgenommen wird - obwohl die Gefahr möglicherweise gar nicht geringer geworden ist?
Richter: Bei der Bewertung der atomaren Bedrohung beobachte ich das Phänomen der Umkehrung. Der Besitz von Atomwaffen wird paradoxerweise heute als großen Angstschutz verkauft. Man sagt: Wenn wir diese Waffen selbst haben oder von einer Supermacht damit beschützt werden, dann leben wir sicherer. Der Besitz von Atomwaffen wird also als eine Versicherung gegen die eigene Friedensunfähigkeit fantasiert. Das ist zwar grotesk, funktioniert aber offenbar. Die Menschen verlieren den Glauben an ihre eigene Versöhnungskraft und lassen sich einreden, dass Nuklearwaffen etwa wie Wachhunde funktionieren. Natürlich ist das ein Selbstbetrug. Die Atomwaffen sind zu nichts anderem als zum Zerstören und zum Völkermord angelegt.
AP: Warum hat sich diese Sichtweise der Befürworter von Atomwaffen durchgesetzt? In den 80er Jahren war das doch ganz anders
Richter: Entscheidend ist, dass die Amerikaner sich von dem Atomwaffensperrvertrag von 1970, den sie selbst unterschrieben hatten, verabschiedet haben. Denn der hatte noch alle Unterzeichner verpflichtet, in Verhandlungen mit dem Ziel der vollständigen nuklearen Abrüstung einzutreten. In uns allen ist ein Bedürfnis, Gefahren nicht passiv ausgeliefert zu sein, sondern sie aktiv zu beherrschen. Der Wunsch, die Atomwaffen als Friedenswächter zu sehen, hat offenbar bei der Verdrängung der echten Angst geholfen. Diese Form von Verdrängen geschieht ja immer wieder, um unser inneres Gleichgewicht zu stabilisieren. Die Realität wird zugunsten des inneren Bedürfnisses verfälscht. Man hält es nicht aus, sich in einer schrecklichen Realität dauernd ängstigen zu müssen. Wenn es gelingt, das Angsterregende zu bagatellisieren oder sogar als Besitz oder Chance zu empfinden, dann fühlt man sich wieder wohler.
AP: Wie nah waren wir denn Ihrer Ansicht nach in den 80er Jahren an einem Atomkrieg?
Richter: Am größten war die Gefahr eines Atomkriegs wohl 1962 während der Kuba-Krise. Aber noch bis 1986/1987 stand die Welt auf der Kippe. Die Bedrohung war echt, nicht fantasiert. Erst mit Gorbatschow gab es eine Wende.
AP: Und heute?
Richter: Damals gab es zwei ebenbürtige Atommächte, die sich gegenseitig in Schach hielten. Jede der beiden Mächte wusste, wenn die andere einen Erstschlag machte, dann sind sie für einen Zweitschlag gerüstet. Das ist ja heute nicht mehr so. Heute gibt es dafür eine größere Verbreitung der Atomwaffen mit den entsprechenden Gefahren. Man denke etwa an Pakistan, ein Land in großer Unruhe und zum Teil in Anarchie. Und auch bei einem Atomwaffeneinsatz in einem regionalen Konflikt gehen die Experten ja davon aus, dass die Schäden verheerend wären.
AP: Ist das nicht noch viel beunruhigender, dass es nicht mehr nur zwei Supermächte gibt, die Atomwaffen einsetzen können, sondern gleich mehrere zum Teil unberechenbare Länder?
Richter: Vor allem ist beunruhigend, mit welchem Aufwand an der Weiterentwicklung immer schrecklicherer Atomwaffen gearbeitet wird bis hin zur atomaren Militarisierung des Weltraums. Die technische Aufrüstung steht in keinem Verhältnis zur psychologischen Abrüstung. Es gibt eine relative Gleichgültigkeit gegenüber der heute noch immer großen atomaren Gefahr, eine psychologische Abstumpfung und dazu die Hoffnung, sich mit der technisch-militärischen Revolution immer stärker und immer sicherer zu machen.
AP: Kann das funktionieren?
Richter: Nein. Wir sehen ja, dass die Selbstmordattentate in dem Maße zugenommen haben, in dem die Ungleichheit der Waffen zugenommen hat. Es gibt kein militärisches Übergewicht, das alle anderen ohnmächtig machen kann. Die größte Macht behält immer noch einen Rest Ohnmacht gegenüber einem Rest Macht der Schwächsten oder Ohnmächtigsten auf der anderen Seite. Eine perfekte Sicherheit auf der Basis einer militärischen Überlegenheit - das gibt es nicht.
(Die Fragen stellte Stephan Köhnlein)
Quelle: AP, PR-Inside
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