18.12.2007

Über die Angst vor dem Atomkrieg früher und heute

Interview mit Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker

Bild von Horst-Eberhard RichterAP: Herr Professor Richter, wovor haben Sie persönlich Angst?

Richter: Angst ist für mich persönlich keine wesentliche Komponente  meines Lebens. Bei mir überwiegen Zuversicht und Hoffnung- trotz aller Rückschläge, Leiden und Gebrechen. Allerdings ärgere ich  mich darüber, wie das Thema instrumentalisiert wird. Es gibt eine  große deutsche Versicherung, die untersucht jedes Jahr mit viel  Aufwand die größten deutschen Ängste. Da stand zum Beispiel 2006 die  Sorge vor Bürgerferne der Politiker auf Platz zwei weit vor der Angst  vor dem Terrorismus auf Platz zehn. Das widerspricht massiv dem Bild,  das uns die Medien jede Woche vermitteln.

AP: Wie erklärten Sie sich diese Diskrepanz?

Richter: Die Manipulation von Angst hat im Wettstreit der politischen  Parteien eine wichtige taktische Rolle bekommen. Mit der Erweckung  spezieller Ängste können Erfolge in Wahlkämpfen erzielt werden - sei  es die Angst vor Zuwanderern, speziell vor Muslimen. Wenn Parteien  solche Ängste erwecken und gleichzeitig behaupten, dass sie die  Menschen vor den jeweiligen Bedrohungen beschützen, dann werden sie  oft auch deswegen eher gewählt.

AP: Sie selbst haben ja immer wieder vor den Gefahren eines Atomkriegs  gewarnt. Wie erklären Sie sich, dass heute die atomare Bedrohung nicht  mehr als so groß wahrgenommen wird - obwohl die Gefahr möglicherweise  gar nicht geringer geworden ist?

Richter: Bei der Bewertung der atomaren Bedrohung beobachte ich das  Phänomen der Umkehrung. Der Besitz von Atomwaffen wird paradoxerweise  heute als großen Angstschutz verkauft. Man sagt: Wenn wir diese Waffen  selbst haben oder von einer Supermacht damit beschützt werden, dann  leben wir sicherer. Der Besitz von Atomwaffen wird also als eine  Versicherung gegen die eigene Friedensunfähigkeit fantasiert. Das ist  zwar grotesk, funktioniert aber offenbar. Die Menschen verlieren den  Glauben an ihre eigene Versöhnungskraft und lassen sich einreden, dass  Nuklearwaffen etwa wie Wachhunde funktionieren. Natürlich ist das ein  Selbstbetrug. Die Atomwaffen sind zu nichts anderem als zum Zerstören  und zum Völkermord angelegt.

AP: Warum hat sich diese Sichtweise der Befürworter von Atomwaffen  durchgesetzt? In den 80er Jahren war das doch ganz anders

Richter: Entscheidend ist, dass die Amerikaner sich von dem  Atomwaffensperrvertrag von 1970, den sie selbst unterschrieben hatten,  verabschiedet haben. Denn der hatte noch alle Unterzeichner verpflichtet, in Verhandlungen mit dem Ziel der vollständigen nuklearen Abrüstung einzutreten. In uns allen ist ein Bedürfnis,  Gefahren nicht passiv ausgeliefert zu sein, sondern sie aktiv zu  beherrschen. Der Wunsch, die Atomwaffen als Friedenswächter zu sehen, hat offenbar bei der Verdrängung der echten Angst geholfen. Diese Form  von Verdrängen geschieht ja immer wieder, um unser inneres  Gleichgewicht zu stabilisieren. Die Realität wird zugunsten des  inneren Bedürfnisses verfälscht. Man hält es nicht aus, sich in einer  schrecklichen Realität dauernd ängstigen zu müssen. Wenn es gelingt, das Angsterregende zu bagatellisieren oder sogar als Besitz oder  Chance zu empfinden, dann fühlt man sich wieder wohler.

AP: Wie nah waren wir denn Ihrer Ansicht nach in den 80er Jahren an  einem Atomkrieg?

Richter: Am größten war die Gefahr eines Atomkriegs wohl 1962 während  der Kuba-Krise. Aber noch bis 1986/1987 stand die Welt auf der Kippe.  Die Bedrohung war echt, nicht fantasiert. Erst mit Gorbatschow gab es  eine Wende.

AP: Und heute?

Richter: Damals gab es zwei ebenbürtige Atommächte, die sich  gegenseitig in Schach hielten. Jede der beiden Mächte wusste, wenn die  andere einen Erstschlag machte, dann sind sie für einen Zweitschlag  gerüstet. Das ist ja heute nicht mehr so. Heute gibt es dafür eine  größere Verbreitung der Atomwaffen mit den entsprechenden Gefahren. Man denke etwa an Pakistan, ein Land in großer Unruhe und zum Teil in Anarchie. Und auch bei einem Atomwaffeneinsatz in einem regionalen  Konflikt gehen die Experten ja davon aus, dass die Schäden verheerend  wären.

AP: Ist das nicht noch viel beunruhigender, dass es nicht mehr nur  zwei Supermächte gibt, die Atomwaffen einsetzen können, sondern gleich  mehrere zum Teil unberechenbare Länder?

Richter: Vor allem ist beunruhigend, mit welchem Aufwand an der Weiterentwicklung immer schrecklicherer Atomwaffen gearbeitet wird bis hin zur atomaren Militarisierung des Weltraums. Die technische  Aufrüstung steht in keinem Verhältnis zur psychologischen Abrüstung.  Es gibt eine relative Gleichgültigkeit gegenüber der heute noch immer  großen atomaren Gefahr, eine psychologische Abstumpfung und dazu die  Hoffnung, sich mit der technisch-militärischen Revolution immer  stärker und immer sicherer zu machen.

AP: Kann das funktionieren?

Richter: Nein. Wir sehen ja, dass die Selbstmordattentate in dem Maße  zugenommen haben, in dem die Ungleichheit der Waffen zugenommen hat.  Es gibt kein militärisches Übergewicht, das alle anderen ohnmächtig  machen kann. Die größte Macht behält immer noch einen Rest Ohnmacht  gegenüber einem Rest Macht der Schwächsten oder Ohnmächtigsten auf der  anderen Seite. Eine perfekte Sicherheit auf der Basis einer  militärischen Überlegenheit - das gibt es nicht.

(Die Fragen stellte Stephan Köhnlein)

Quelle: AP, PR-Inside

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Dr. med. Angelika Claussen, Vorsitzende der IPPNW

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